Jahrelang sprach Pia Malo nicht über ihren Haarausfall – obwohl sie längst eine Perücke trug. Jetzt geht die Sängerin bewusst mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit. Im exklusiven Interview mit Schlagerpuls.com erzählt sie sehr offen, warum sie diesen Schritt erst jetzt gehen konnte, wie sehr Bodyshaming sie bewegt und weshalb sie hofft, anderen Betroffenen mit ihrer Offenheit Mut zu machen. Entstanden ist ein sehr persönliches und ehrliches Gespräch, das zeigt, wie viel Stärke die Sängerin besitzt.
Pia Malo: „Der Gedanke ist eigentlich schon da, seitdem ich sie habe. Darüber haben wir auch mit der Landesschau schon mehrfach gesprochen, aber ich war einfach noch nicht bereit dazu.
Auch wenn ich ja immer dafür stehe, dass man sich zeigen soll und ich mich bei Social Media eigentlich auch immer so zeige, wie ich bin. Man sieht mich ja auch ungeschminkt, und man hat mich auch in den letzten Wochen und Monaten immer wieder mit kurzen Haaren gesehen… oftmals mit Zopf, manchmal auch mit einem Halbzopf. Für mich war das nie so, dass ich das jetzt verstecke, aber ich habe es halt nie ausgesprochen.
Und jetzt war ja vor zwei Wochen oder so eine kleine Situation, in der mir einer unter ein Bild von mir mit einem meiner Bühnenoutfits geschrieben hat, dass ich dicke Beine hätte. Ich habe das gepostet und mir gesagt: ‚Hey Leute, mein Gott. Zum einen habe ich ein Lipödem. Ich wünsche demjenigen mal die Schmerzen.‘ Ich komme mit so etwas ja einigermaßen gut zurecht. Mir ging es eher um die Nachrichten, die ich bekommen habe… von Mädels, aber auch Jungs, die dann gesagt haben: ‚Boah, hier sind gerade gefühlt 40 Grad im Sommer.‘ In Deutschland war es ja so. Und wir trauen uns genau wegen so etwas nicht, ein Kleid anzuziehen oder auch einen Bikini oder mal ins Wasser zu springen… weil wir Angst haben.
Dabei ergänzt sie: „Ich habe mir die Profile angeguckt. Das waren teilweise Mädels mit ganz normalen Figuren. Da habe ich gesagt: ‚Leute, das ist doch so schade.‘
Dann bin ich ein bisschen in mich gegangen und habe gedacht: ‚Mein Gott, vielleicht kann ich da jetzt einfach auch, wenn ich nur einen relativ kleinen Account habe, trotzdem meine Community oder meine Reichweite nutzen, um einfach mal auf dieses Thema aufmerksam zu machen und zu sagen: ‚Hey, dieses Bodyshaming, das nervt extrem‘.“ Lasst uns doch einfach mal normale Körper und normale Herausforderungen, mit denen wir alle zu kämpfen haben, normalisieren und nicht immer auf dieses ganze Social Media schauen, in dem alles schön dargestellt wird.
Ich meine, genug Frauen tragen Extensions oder haben Haarteile drin. In Amerika ist es ganz normal, dass Frauen Perücken tragen. Das ist ein Modeaccessoire, aber hier ist man leider noch nicht so weit. Das finde ich schade. Vielleicht kann ich da einfach dem einen oder anderen einen Anstoß geben… und vielleicht kann ich auch jemandem helfen.“
Schlagerpuls.com: Wie hat es sich angefühlt, als du das Posting mit der Perücke abgeschickt hattest?
Pia Malo: „Der Puls war schon ein bisschen höher. Ich habe das geschrieben und sicher zehn Minuten gebraucht, um es abzuschicken. Aber als ich gesehen habe, dass der Redakteur der Landesschau schon etwas gepostet hatte, dachte ich mir ‚jetzt musst du nachziehen‘.
Klar war irgendwie aber auch der Gedanke da ‚Mache ich das jetzt gar nicht?‘ -Nicht, weil ich das Posting nicht machen wollte, sondern weil ich jemand bin, der sich Sachen zu Herzen nimmt – auch wenn nur ein einziger etwas Doofes schreibt. Man kann immer sagen: ‚Du stehst in der Öffentlichkeit, du musst das abkönnen‘ Aber muss ich das wirklich? Ich stehe in der Öffentlichkeit, aber wieso können wir nicht einfach mal sagen, dass wir gemeinsam gegen diese ganzen Hate-Kommentare ein bisschen mehr vorgehen? Kein Mensch muss sich beleidigen lassen.“
Dabei gesteht sie: „Ich ärgere mich manchmal darüber, wenn es mir zu nahe geht. Es sagt ja immer viel mehr über die Person aus, die das schreibt, als über mich. Und ich glaube, trotz allem habe ich dann auch mal eine schlechte Stunde, weil ich mich darüber aufrege. Das muss man ganz klar sagen.
Mir geht es dabei halt um die Leute, die das vielleicht nicht abkönnen. Deswegen möchte ich da einfach ein Zeichen setzen. Aber ja, auch ich hatte gestern erst mal ein, zwei Stunden, in denen ich dachte: ‚Gucke ich mir jetzt die Kommentare an?!‘ Ich muss aber wirklich sagen: Sie sind durchweg positiv. Ein paar haben mir schon Kommentare geschrieben, aber die meisten schicken private Nachrichten. Und natürlich da auch die Kommentare oder Nachrichten, vor denen ich Angst habe: ‚Was willst du denn jetzt? Du hast doch noch genug Haare.‘
Natürlich habe ich noch Haare. Trotzdem sind mir über die Hälfte meiner Haare ausgegangen – und das jetzt schon zum zweiten Mal… innerhalb von gefühlt zwei Jahren. Und natürlich gibt es Frauen, die viel stärker betroffen sind. Aber es geht ja darum, das einfach mal in der Gesellschaft anzusprechen.
Ein Punkt war auch, dass mich jemand gefragt hat, ob ich eine Krebserkrankung habe, weil eine Perücke halt sehr oft für Krebs oder eine Chemotherapie steht. Aber es gibt ja noch sehr, sehr viele andere Erkrankungen, die damit einhergehen. Oder eben, dass man einfach sagt: „Hey, für mich ist das ein Modeaccessoire.“
Schlagerpuls.com: Seit wann trägst du sie? Und wie wohl fühlst du dich mit Perücke?
Pia Malo: „Ganz ehrlich: Es ist so eine Zeitersparnis. Ich spare mir ja abends eine halbe Stunde bis Stunde, wenn ich nicht die Haare stylen muss oder mir nicht die Haarteile reinklemmen muss. Wenn die Dinger nicht so teuer wären, hätte ich wahrscheinlich zehn verschiedene – in allen Farben.
Ich trage die Perücke schon seit Dezember 2024. Bei der ‚Schlagernacht des Jahres‘ in Frankfurt war, glaube ich, mein erster Auftritt mit Perücke. Anfangs fragte ich mich schon, ob die Leute es bemerken. Da fühlt man sich schon ein bisschen unsicher. Aber selbst Maskenbildnerinnen haben das erst bemerkt, als sie wirklich ganz nah an mir dran waren. Ich glaube, man macht sich da viel mehr selbst Gedanken, weil andere halt Extensions oder sonst was tragen. Die habe ich ja selber jahrelang getragen. Aber die Sicherheit kommt dann mit der Zeit.“
Schlagerpuls.com: Was machst du gegen den Haarausfall?
Pia Malo: „Im Moment ist er – toi, toi, toi – beruhigt. Ich hatte einmal – wahrscheinlich durch die Trennung von meinem Freund, den Stress dadurch und dass auch noch mein Hund gestorben ist, Haarausfall. Das war wahrscheinlich gemeinsam der Auslöser. Und jetzt eben die OP.
Man versucht sich ja, so durchzuprobieren und wird da ein bisschen alleine gelassen. Die meisten Bluttests muss man selbst bezahlen. Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich das machen kann. Aber trotzdem hat man dann die Werte – und was macht man danach? Auch ich habe mich gefühlt durch sämtliche Mittelchen, die auf Instagram und Co. angeboten werden, durchprobiert und ein halbes Vermögen dafür ausgegeben. Bis jetzt hat aber wirklich noch nichts geholfen. Wenn ich etwas finde, dann werde ich das mit Sicherheit mit der Welt teilen.“
Schlagerpuls.com: Wie wichtig ist es dir, ein Zeichen gegen Bodyshaming zu setzen? Und was wünscht du dir in unserer Gesellschaft?
Pia Malo: „Sehr wichtig, weil es so nicht weitergehen kann. Diese Kommentare sagen viel, viel mehr über die Person aus, die sie schreibt, als über einen selbst. Und wie ich vorhin schon gesagt habe: Wir haben nur dieses eine Leben. Also zieht den Bikini an, zieht das Kleidchen an und lebt euer Leben. Solange ihr glücklich seid und es euch gut geht, lasst euch da einfach nichts sagen.
Gerade wir Mädels sollten uns viel mehr unterstützen und sagen: ‚Hey, kommt, wir halten zusammen.‘ Das wünsche ich mir auch für die Gesellschaft: Einfach mehr Liebe. Und dass wir den Leuten, die diese Selbstliebe vielleicht nicht haben, Liebe entgegenbringen. Es ist doch alles schon schwer genug. Lasst uns doch nicht auch noch gegenseitig fertig machen. Wo kommen wir denn da hin? Jeder ist gut so, wie er ist.“



