Bei der CSD in Sonneberg setzte Musikerin Lucy van Kuhl mit dem Song „Wir bleiben bunt“ ein Zeichen. Doch was hat sie zu dem Titel bewegt? Mit uns sprach sie exklusiv darüber – und betonte auch, was sich ihrer Meinung nach in unserer Gesellschaft ändern muss.
Schlagerpuls.com: Was hat dich zu dem Song bewegt?
Lucy van Kuhl: „Vom „Deutschen Journalistenverband“ (DJV) wurde ich eingeladen, beim CSD aufzutreten. Zur Wahl stand auch Sonneberg. Ich dachte, wenn ich die Chance habe, an einem Ort aufzutreten, an dem die Demokratie bereits sehr ins Wanken gebracht wird, ist es eine tolle Möglichkeit, mit einem Lied Menschen, die sich für demokratische Grundwerte einsetzen, Mut zu machen und den Zusammenhalt zu stärken. Deshalb habe ich ein Lied geschrieben mit dem Titel „Wir bleiben bunt“.“
Schlagerpuls.com: Was ist die Botschaft dahinter?
Lucy van Kuhl: „In dem Lied geht es darum, dass wir es als Kinder doch alle toll fanden, viele Farben und viele unterschiedliche Menschen um uns herum zu haben. Ein Kind würde niemals eine graue Puppe oder ein graues Spielzeug auswählen, wenn es auch etwas Buntes gibt. Wir waren alle neugierig und offen. Von diesem Gedanken bin ich ausgegangen und habe mich gefragt: Was hat dafür gesorgt, dass viele Menschen ihre Freude an Farben und damit ihre Offenheit verloren haben? Es ist zum einen ein Appell an Menschen, über ihre toleranten Ursprünge zu reflektieren und warum sie so intolerant geworden sind. Zum andern, und darum geht es mir vor allem, dass die Gemeinschaft der Menschen, die immer noch und immer wieder zum Beispiel aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Identität oder ihrer Behinderung ausgegrenzt und diskriminiert werden, ein weiteres neues Lied haben, das ihnen Zuversicht gibt, das sie verbindet und stärkt. Singen kann alle Menschen miteinander verbinden, denn es ist ein sehr starkes Gefühl.“
Schlagerpuls.com: Wie weit ist die Toleranz in Deutschland?
Lucy van Kuhl: „Es gibt sehr viele tolerante Menschen in Deutschland, doch leider gibt es auch sehr viele intolerante. Ich beobachte immer wieder, dass es Intoleranz in allen Bereichen gibt, selbst im sogenannten Bildungsbürgertum. Wenn Eltern im Prenzlauer Berg ihre Kinder nicht gern mit Kindern zusammen in die Kita gehen lassen wollen, die einen migrantischen Hintergrund oder eine Behinderung haben, ist das auch eine Art von Intoleranz, gepaart mit Egoismus. So empfinde ich das, schließlich könnte uns das alle auch selbst betreffen. Das blendet man zu leicht aus. Nationalismus im Sinne von ausgrenzendem, diskriminierendem Extremismus ist im Hinblick auf Toleranz natürlich ein zunehmend sehr großes Thema. Gerade appelliert vor allem eine politisch rechts angesiedelte Partei, intolerant gegenüber Menschen zu sein, die in ihren Augen nicht deutsch sind und nicht dem hetero-normativen Bild entsprechen. Damit werden Feindbilder geschaffen und Menschen nicht mehr toleriert, die völlig friedlich als Teil der Gemeinschaft ihr Leben leben.“
Schlagerpuls.com: Was muss sich in der Gesellschaft deiner Meinung nach verändern?
Weniger Vorurteile aufbauen, mehr Fragen stellen und mehr Empathie leben, das wünsche ich mir. Wenn wir die Lebensgeschichten von Menschen hören, stellen wir einen emotionalen Bezug her und fangen an, sie zu verstehen. Wir müssen ja nicht alles gut finden, doch vieles, was einem zunächst fremd erscheint, kann man mit Verständnis leichter annehmen. Und manchmal gibt es zwischen sehr verschiedenen Menschen Gemeinsamkeiten, von denen man vorher gar nichts gewusst hat. Das können wir nur herausfinden, wenn wir miteinander reden und neugierig aufeinander bleiben.
Dann verstehen wir auch, dass es ist eine Bereicherung sein kann, von anderen Kulturen zu lernen und andere Lebensweisen kennenzulernen. So würde aus Toleranz eine positive Neugier, wir würden nicht nur tolerieren, sondern erkennen: spannend, über diese Menschen möchte ich mehr erfahren. Und selbst wenn man nicht so weit geht, könnte man doch wenigstens denken: dieser Mensch ist anders als ich. Vielleicht findet er meine Art zu leben auch seltsam. Ich halte es mit dem sehr treffenden Spruch aus meiner Geburtsstadt Köln: „Jeder Jeck ist anders!“ Und das soll auch so bleiben.